Autor: Jörg Graf

  • Ketchup kommt vom Ketjap – und nicht umgekehrt

    Ketchup kommt vom Ketjap – und nicht umgekehrt

    Im Asia-Regal steht eine dunkle Flasche, auf der „Ketjap Manis“ draufsteht. Manchmal steht daneben, kleiner gedruckt: süße Sojasauce. Ich kauf sie gern im Asia-Markt, wenn ich in Passau oder Linz bin, und ich sag ehrlich: Von den fünf Flaschen, die dort stehen, hab ich keine Ahnung, welche die beste ist. Was ich inzwischen weiß: Auf dieser Flasche steht das ältere Wort. Älter als Ketchup.

    Ein Wort aus dem Hafen

    Der Ursprung liegt im Hokkien-Chinesischen, gesprochen im Süden Chinas und in den Hafenstädten, von denen aus jahrhundertelang gehandelt wurde. Dort hieß es kê-chiap. Gemeint war damit keine Sauce zu Pommes, sondern die Lake eingelegter Fische – eine salzige, gegorene Flüssigkeit, wie sie in Südostasien bis heute als Würze dient.

    Mit Tomaten hatte das Wort also nichts zu tun. Und mit süß schon gar nichts.

    Das ist der Punkt, an dem die meisten stutzen: Wir halten Ketchup für etwas Amerikanisches, allenfalls für etwas Englisches. Tatsächlich ist die Tomate der jüngste Teil der Geschichte. Das Wort war schon Jahrhunderte unterwegs, bevor jemand auf die Idee kam, eine Tomate hineinzurühren – es bezeichnete eine Würzflüssigkeit, nicht eine bestimmte Zutat. Wer heute Ketjap Manis im Regal stehen sieht, sieht damit näher am Ursprung als bei der roten Flasche im Kühlschrank.

    Wie aus Fisch Palmzucker wurde

    Chinesische Händler brachten die Sojasaucen-Herstellung im 17. und 18. Jahrhundert nach Java. Dort passierte das Entscheidende: Lokale Produzenten ersetzten die Fischbestandteile durch Gula Jawa, den javanischen Palmzucker. Aus einer salzigen Lake wurde ein dickflüssiger, dunkler, süßlich-würziger Sirup.

    Der bekam einen eigenen Namen: Ketjap Manismanis heißt schlicht süß. Niederländische Kolonialakten führen ihn ab 1860 als eigenes Produkt auf den Märkten von Batavia, dem heutigen Jakarta.

    Woran man die Route erkennt
    Steht auf der Flasche „Ketjap“, ist die Schreibweise niederländisch – die Sauce ist über Holland zu uns gekommen. Steht „Kecap“ drauf, ist es die moderne indonesische Schreibung. Dasselbe beim Sambal: „Oelek“ ist holländisch, „Ulek“ indonesisch. Ein Buchstabe erzählt, welchen Weg die Flasche genommen hat.

    Zwei Marken aus der Vorkriegszeit

    Die zwei Namen, die man heute im Regal findet, sind keine Erfindung der Supermarkt-Ära. ABC produziert seit 1923, Bango seit 1933 – beide auf Java, beide noch vor der Unabhängigkeit Indonesiens gegründet. Wer eine dieser Flaschen kauft, kauft ein Produkt, das älter ist als die meisten Fertigsaucen in unseren Regalen.

    Ketjap Manis wird über Nudeln und Spitzkohl in die Pfanne gegossen
    Der Moment, in dem die Ketjap in die Pfanne läuft: Aus hellgelb wird in ein paar Sekunden ein sattes Dunkelbraun.

    Warum die salzige nicht funktioniert

    Das ist keine Feinheit für Sammler, sondern der Grund, warum ein Rezept gelingt oder nicht. Ketjap Manis ist eingedickt und trägt Zucker – sie legt sich um die Nudeln, gibt Farbe und Bindung. Normale Sojasauce ist dünn und salzig. Wer sie ersetzt, bekommt ein anderes Gericht: salzig und flach statt rund und dunkel.

    Und weil das im Regal nicht immer draufsteht: Findet man den Namen „Ketjap Manis“ nicht, hilft die Suche nach süße Sojasauce. Es ist dasselbe.

    In Holland ist das kein exotisches Essen

    Die Niederlande waren bis 1949 Kolonialmacht in Indonesien. Nach der Unabhängigkeit kamen Rückkehrer, Indo-Europäer und indonesische Exilanten ins Land – und mit ihnen das Essen. Heute hat praktisch jede holländische Einkaufsstraße einen Indonesier, einen Toko oder einen Imbiss mit Bami und Nasi. Saté steht dort auf Kneipenkarten, wie bei uns die Frittatensuppe.

    Für einen Holländer ist gebratene Bami nichts Besonderes. Das ist, was man am Dienstagabend holt.

    Die Reistafel war keine indonesische Idee

    Wer sich mit der holländisch-indonesischen Küche beschäftigt, stößt schnell auf die Rijsttafel – die Reistafel, ein Menü aus zwanzig und mehr kleinen Schüsseln. Das klingt nach altem indonesischem Brauch, ist aber eine Erfindung der Kolonialherren: aufgetragen von einheimischem Personal, gedacht als Zurschaustellung von Wohlstand. In Indonesien selbst ist das Format heute praktisch verschwunden. In den Niederlanden lebt es weiter.

    Man muss das nicht romantisieren. Aber es zeigt, wie verschlungen der Weg eines Gerichts sein kann: Ein Wort wandert aus chinesischen Häfen nach Java, wird dort zu etwas Neuem, kommt mit einer Kolonialmacht nach Europa – und landet Generationen später in einem Asia-Regal in Oberösterreich, wo ein Kärntner davorsteht und überlegt, welche der fünf Flaschen er nehmen soll.

    Und bei uns?

    Bei uns im Lavanttal war das erste Lokal, das nicht österreichisch war, ein Chinese. Dort hat es schon immer gebratene Nudeln gegeben, und meine Familie geht heute noch gern hin. Der Weg ist also ein anderer als in Holland – aber angekommen ist es auch hier.

    Drum sag ich das mittlerweile ohne Umschweife: Asiatisch gehört zur Hausmannskost. Fast jeder, der daheim kocht, kocht ab und zu asiatisch. Und wer das tut, hat früher oder später eine dunkle Flasche im Kasten stehen, auf der ein Wort steht, das älter ist als Ketchup.

    Teller mit fertigen Bami-Tektek-Nudeln, daneben ein Glas Mango Lassi

    Das Rezept dazu

    Bami Tektek – indonesische gebratene Nudeln aus einer einzigen Pfanne. Die Nudeln werden nicht gekocht, die Eier stocken direkt in der Aromabasis, dazu ein Mango Lassi gegen die Schärfe.

    Zum Rezept

    Kurz beantwortet

    Kommt das Wort Ketchup wirklich aus Asien?

    Ja. Es geht auf das Hokkien-chinesische kê-chiap zurück und bezeichnete die Lake eingelegter Fische. Über die Handelswege kam das Wort nach Java und von dort mit den Niederländern nach Europa. Die Tomate kam erst viel später dazu – das Wort ist deutlich älter als die Sauce, die wir heute damit meinen.

    Was ist der Unterschied zwischen Ketjap Manis und Sojasauce?

    Beide werden aus Sojabohnen gebraut. Ketjap Manis wird zusätzlich mit Palmzucker eingedickt und ist deshalb sirupartig, dunkel und süßlich-würzig. Normale Sojasauce ist dünn und salzig. Als Ersatz taugt sie nicht.

    Wo bekomme ich Ketjap Manis?

    Im Asia-Laden am günstigsten, mittlerweile aber auch in fast jedem größeren Supermarkt und online. Wenn der Name nicht auf der Flasche steht, nach „süßer Sojasauce“ suchen. Gängige Marken sind ABC, Bango und Conimex.

    Heißt es Ketjap oder Kecap?

    Beides ist richtig, es sind nur zwei Schreibweisen desselben Wortes. „Ketjap“ ist die niederländische Kolonial-Schreibung, „Kecap“ die heutige indonesische. Bei uns steht meistens „Ketjap“ auf der Flasche, weil die Sauce über Holland nach Mitteleuropa gekommen ist.

  • Böhmen sagt Kartoffel, Wien sagt Topfen

    Böhmen sagt Kartoffel, Wien sagt Topfen

    Bei uns am Familientisch sind heuer zwei Schüsseln nebeneinander gestanden. In der einen die klassischen Zwetschgenknödel aus Topfenteig, sanft gezogen und im Bröselmantel gewälzt. In der anderen die gebackenen aus Kartoffelteig, eine Stunde im Rohr, auf einem Bett aus Zwetschgenröster.

    Das Urteil war eindeutig. Und es war geteilt: Den Erwachsenen haben die gebackenen besser geschmeckt. Die Kinder haben nur die klassischen mit Topfen gegessen.

    Was ich beim Recherchieren gelernt habe: Genau diesen Streit führen andere Leute schon seit weit über hundert Jahren. Und beide Seiten haben eine Adresse.

    Zwei Teige, zwei Küchen

    Der Kartoffelteig ist die böhmische Linie. Er hat sich im 18. und 19. Jahrhundert durchgesetzt, als die Erdäpfel zum Grundnahrungsmittel wurden. Der Topfenteig dagegen ist die wienerische Schule — groß geworden vor allem über den Marillenknödel.

    Nach Wien gekommen ist die Mehlspeise über die Küche selbst: Im 18. Jahrhundert standen viele böhmische Köchinnen in Wiener Bürgerhäusern am Herd. So ist der Obstknödel in die österreichische Küche gewandert und dort geblieben.

    Und in Ungarn heißt er szilvás gombóc — dort würde ein Koch für Zwetschgenknödel allerdings niemals Topfenteig nehmen. Wenn ich also zwei Varianten nebeneinander stelle, stelle ich nicht zwei Rezepte nebeneinander, sondern zwei Küchentraditionen.

    Die Frontlinie:
    Böhmen und Ungarn sagen Kartoffel. Wien sagt Topfen. Und keiner von beiden liegt falsch.

    Die gebackenen sind nicht die moderne Spielerei

    Ich hätte gewettet, dass die gebackene Variante die neuere ist. Das Gegenteil stimmt. Das älteste niedergeschriebene Obstknödel-Rezept aus Böhmen stammt aus dem 17. Jahrhundert — und die Knödel wurden darin gebraten, nicht gekocht. Die gekochten sind die Jüngeren.

    Schriftlich festgehalten hat die klassische Variante erst 1838 Magdalena Dobromila Rettigová. Gezuckert wurden die Knödel damals übrigens nicht. Bestreut hat man sie mit geriebenem Lebkuchen.

    Ehrlich gesagt war die gebackene Variante für mich selber Neuland. Bei uns in Kärnten gibt es die nicht. Ich habe das Rezept jahrelang in einem Kochbuch angeschaut und mir gedacht: Das probiere ich irgendwann einmal aus. Heuer war irgendwann.

    Warum es die Zwetschke sein muss

    Die Zwetschke ist botanisch eine Unterart der Pflaume, aber sie ist eben nicht dasselbe: länglicher, mit beidseitig zugespitztem Stein, kaum Bauchnaht, und das Fruchtfleisch ist fester und trockener. Vor allem löst sich der Kern leicht. Eine saftig-weiche Pflaume würde im Knödel zerrinnen.

    Das Wort selbst hat einen weiten Weg hinter sich. „Zwetschke“ geht über romanische Zwischenformen auf das lateinische damascena zurück — die Pflaume aus Damaskus. Ein Alltagswort aus der Kärntner Küche, das bis nach Syrien reicht.

    Aufgeschnittene Zwetschgenknödel im Bröselmantel mit Zwetschgenröster auf graublauem Teller, dahinter gebackene Zwetschgenknödel in der Auflaufform
    Vorne die gezogenen im Bröselmantel, hinten die gebackenen auf dem Röster. Beide zusammen aus einem einzigen Kilo Zwetschgen.

    Jede Garmethode braucht ihre eigene Füllung

    In den gezogenen Knödel kommt Würfelzucker. Das ist die klassische Füllung der k.u.k.-Küche, und sie hat einen Grund: Beim sanften Ziehen schmilzt der Würfel mit dem Zwetschgensaft zu Sirup. In den gebackenen kommt Marzipan, weil eine Stunde bei 180 Grad den Würfelzucker einfach wegschmelzen lässt. Die Füllung würde auslaufen.

    Eine Sache habe ich dabei auf die harte Tour gelernt. Vor einem Jahr habe ich Knödel gemacht und die Kinder den Würfelzucker in die Zwetschken stecken lassen. Dann musste ich kurz weg. Als ich zurückkam, war kein einziger Würfel mehr da. Natürlich habe ich gleich mit den Kindern geschimpft — die haben Zucker ja durchaus gern.

    Sie waren es nicht. Der Zwetschgensaft hatte die Würfel von selber aufgelöst. Seitdem fülle ich die Zwetschken erst kurz bevor ich die Knödel forme.

    Das Urteil vom Familientisch

    Beide Varianten sind bei uns auf der Terrasse gestanden, und der Ausgang war der, den ich am Anfang erzählt habe: die Erwachsenen für die gebackenen, die Kinder für die klassischen.

    Wobei — der Kleine hat am nächsten Tag doch noch einen gebackenen probiert und gesagt, der schmecke schon richtig gut. Der Nachwuchs wackelt also.

    Ich verstehe ohnehin beide Seiten. Als Kind habe ich auch nur die Topfenknödel geliebt. Heute mag ich den Kartoffelteig, gerade weil er nicht so süß ist.

    Der Schlussakkord des Knödeljahres

    In Böhmen hat man Obstknödel früher der Saison nach gefüllt: Rhabarber, Erdbeeren, Kirschen, Marillen, Heidelbeeren — und ganz zum Schluss Zwetschgen. Der Zwetschgenknödel ist damit das Finale, das Herbst-Ende einer ganzen Knödelsaison.

    Dass das Gericht dabei nie ein reines Arme-Leute-Essen war, zeigen zwei Fußnoten, die mir gefallen haben. Der französische Gastrosoph Édouard de Pomiane hat Zwetschgenknödel zu den zehn besten Speisen der Welt gezählt. Und der tschechoslowakische Präsident Masaryk, der sonst streng maßvoll gegessen hat, nahm sich laut seinem Tafeldiener bei Zwetschgenknödeln zuerst drei — und dann noch einmal drei.

    Zwetschgenknödel in zwei Varianten — das ganze Rezept auf HausmannKocht

    Beide Varianten zum Nachkochen

    Topfenteig und Kartoffelteig, ein Kilo Zwetschgen, sechzehn Knödel. Mit allen Mengen, dem Ablauf und dem Video.

    Zum Zwetschgenknödel Rezept

    Kurz beantwortet

    Topfenteig oder Kartoffelteig — was ist richtig?

    Beides. Der Topfenteig ist die wienerische Schule, der Kartoffelteig die böhmische. In Ungarn und Böhmen gilt Kartoffelteig als der einzig richtige, in Wien der Topfenteig. Wer sich nicht entscheiden mag, macht beide — ein Kilo Zwetschgen reicht für sechzehn Knödel.

    Warum Würfelzucker im einen und Marzipan im anderen?

    Weil jede Garmethode ihre eigene Füllung braucht. Beim Ziehen bei rund 90 Grad schmilzt der Würfelzucker mit dem Fruchtsaft zu Sirup. Eine Stunde bei 180 Grad im Rohr überlebt er dagegen nicht — dort hält nur Marzipan die Form.

    Kann man Zwetschgenknödel einfrieren?

    Ja, und zwar roh. Die geformten Knödel einzeln auf einem Brett anfrieren, damit sie nicht zusammenkleben, und erst dann in den Beutel. Bei uns daheim wurden sie immer so auf Vorrat gemacht — nur waren die Sackerl nie beschriftet. Jedes Auftauen war ein Glücksspiel: Marille oder Zwetschke?

    Sind Zwetschgen und Pflaumen dasselbe?

    Nicht ganz. Die Zwetschke ist eine Unterart der Pflaume: länglicher, fester, trockener, und der Kern löst sich leicht. Genau deshalb funktioniert sie im Knödel, während eine weiche Pflaume darin zerrinnen würde. In Deutschland läuft das Gericht meist als Pflaumenknödel, in Österreich als Zwetschkenknödel — gemeint ist beide Male die feste, längliche Frucht.

  • Das Nationalgericht, das meine Schwiegermutter erkannt hat

    Das Nationalgericht, das meine Schwiegermutter erkannt hat

    Diese Woche habe ich das Nationalgericht von Dänemark gekocht. Meine Schwiegermutter hat einen Bissen probiert und gesagt: „Das schmeckt wie von meiner Mutter — vor 60 Jahren.“ Genau darüber muss man einmal reden. Wie kann das dänische Nationalgericht nach einer deutschen Küche von 1965 schmecken?

    Kein Lachs, keine Hackbällchen

    Wenn man rät, was das Nationalgericht der Dänen ist, kommt meistens Lachs, Smørrebrød oder irgendwas mit Hackbällchen. Falsch. 2014 haben die Dänen in einer landesweiten Abstimmung gewählt — und mit 44 Prozent hat stegt flæsk med persillesovs gewonnen: gebratener Schweinebauch mit Petersiliensoße und Kartoffeln. Vor dem Smørrebrød.

    Das ist Bauernküche aus dem 18. und 19. Jahrhundert, und viele Dänen essen sie bis heute regelmäßig. Wie tief das Gericht dort verwurzelt ist, zeigt ein Wort: valgflæsk — „Wahl-Schwein“. Seit 1849 ließen Politiker das Gericht vor Wahlen an die Leute ausgeben, und bis heute bedeutet das Wort im Dänischen so viel wie „leere Wahlversprechen“. Ein Essen, das es bis in die politische Sprache geschafft hat, macht offensichtlich etwas richtig.

    Warum es trotzdem nach daheim schmeckt

    Und da sind wir bei meiner Schwiegermutter. Schweinebauch, Salzkartoffeln, eine helle Soße mit Petersilie — das gab es nicht nur in Dänemark. Das gab es in deutschen und österreichischen Küchen genauso, bevor es aus der Mode gekommen ist. Die Dänen haben ihre Version bloß nie aufgegeben und irgendwann zum Nationalgericht gewählt. Bei uns ist dieselbe Küche in der Erinnerung der Großmütter verschwunden.

    Deshalb hat meine Schwiegermutter die Soße auch sofort erkannt: Ihre Mutter hat sie früher genauso gekocht. Das ist für mich der eigentliche Grund, solche Gerichte zu kochen — nicht, weil sie exotisch sind, sondern weil sie es nicht sind.

    Knuspriger Schweinebauch mit Salzkartoffeln und zwei Schälchen Petersiliensoße auf einem Tablett – dänisches Nationalgericht stegt flæsk
    Dänemarks Nationalgericht, gekocht in Pocking: kross gebratener Schweinebauch, Salzkartoffeln, Petersiliensoße.

    Schweinebauch gab es bei uns immer — aber meistens falsch

    Bei mir daheim gab es Schweinebauch schon immer: gegrillt und zäh, oder kurz gebraten und voller Fett. Der Bauch gilt als billiges Fleisch, das man nicht ernst nehmen muss. Meine Oma hat immer die Prospekte durchgeschaut und gekauft, was in Aktion war — das mache ich heute genauso. Nur behandle ich den Bauch inzwischen anders.

    Die drei Handgriffe, die den Unterschied machen:
    Erstens: zwei Stunden Gefrierfach vor dem Schneiden — nur fest werden lassen, dann rutscht nichts unterm Messer weg. Zweitens: die Scheiben gleichmäßig flach klopfen, denn gleichmäßig dick heißt gleichmäßig kross. Drittens: ordentlich grob salzen und dem Salz eine halbe Stunde Zeit geben — es würzt und entzieht genau die Feuchtigkeit, die zwischen knusprig und lapprig entscheidet.

    Gegart wird am Rost, nicht am Blech: So kommt die Hitze von allen Seiten ran, und das Fett tropft ab, statt dass die Scheiben darin schwimmen. Das Ergebnis ist kross wie eine Kruste und innen trotzdem saftig — und genau dafür braucht es kein teures Stück Fleisch.

    Die Soße, bei der die Stängel mitarbeiten

    Die Petersiliensoße ist im Kern eine Béchamel — aber eine mit Vorgeschichte. Die Petersilienstängel fliegen bei mir nicht in den Kompost: In ihnen steckt mindestens so viel Aroma wie in den Blättern, nur krautiger und tiefer. Sie ziehen mit einer halben Schalotte und weißen Pfefferkörnern in der Milch — wie ein Tee. Weißer Pfeffer deshalb, weil eine weiße Soße keine dunklen Punkte braucht und die Würze sich nicht vordrängen soll.

    Die gehackten Blätter kommen erst ganz am Ende dazu, damit sie grün und frisch bleiben, dazu Crème fraîche und ein Spritzer Zitrone. Wer mehr Kräuter aus dem Garten hineinwirft, landet übrigens schnell bei der grünen Frankfurter Soße — die Grenze ist da erstaunlich eng. Auch das ein Hinweis, dass diese Küche nie nur dänisch war.

    Knuspriger Schweinebauch mit Petersiliensoße – das ganze Rezept auf HausmannKocht

    Das ganze Rezept

    Knuspriger Schweinebauch mit Petersiliensoße und Kartoffeln — mit Gefrierfach-Trick, Salz-Timing, Video und Nährwerten.

    Zum Schweinebauch Rezept

    Kurz beantwortet

    Was ist das Nationalgericht von Dänemark?

    Stegt flæsk med persillesovs — gebratener Schweinebauch mit Petersiliensoße und Kartoffeln. 2014 wurde es in einer landesweiten Abstimmung mit 44 Prozent zum offiziellen Nationalgericht gewählt, noch vor dem Smørrebrød.

    Warum kommt der Schweinebauch vor dem Schneiden ins Gefrierfach?

    Zwei Stunden anfrieren macht das Fleisch fest, ohne es durchzufrieren. So lässt sich der ungleichmäßige Bauch in saubere, gleich dicke Scheiben schneiden, statt unterm Messer wegzurutschen.

    Warum wird der Schweinebauch am Rost gegart und nicht am Blech?

    Am Rost kommt die Hitze von allen Seiten ans Fleisch, und das Fett tropft durch, statt dass die Scheiben darin garen und schwimmen. Das ist der Unterschied zwischen kross und lapprig.

    Was macht die dänische Petersiliensoße besonders?

    Die Milch wird vorher mit den Petersilienstängeln, Schalotte und weißen Pfefferkörnern aromatisiert — wie ein Tee. Die gehackten Blätter kommen erst am Ende dazu, damit sie frisch und grün bleiben.

    Baba, euer Hausmann, der kocht – Jörg

  • Der Essig, der mich den Sieg gekostet hat

    Der Essig, der mich den Sieg gekostet hat

    Im Jänner 2011 lief im ZDF eine Küchenschlacht-Woche mit mir. Drei Tage Fernsehstudio in Hamburg, im Finale Johann Lafers Überraschungsmenü — und als Dessert genau die Topfennockerl, die es diese Woche bei mir auf YouTube gibt. Zeit, die ganze Geschichte einmal zu erzählen. Auch die mit dem Essig.

    Angemeldet hat mich wer anderer

    Ich habe mich nämlich nie bei der Küchenschlacht beworben. Ich wurde angemeldet — und war dann ziemlich überrascht, als plötzlich ein Brief da lag: nach Hamburg kommen, Rezepte einreichen. So bin ich da hineingerutscht. Manchmal braucht es offenbar jemanden, der einen anmeldet, bevor man selber draufkommt, dass man das eigentlich machen will.

    Mit Baby ins Fernsehstudio

    Wir sind mit Air Berlin nach Hamburg geflogen — damals gab es an Bord noch Schokolade gratis. Mein Ältester war ein gutes halbes Jahr alt und hat die Reise gut mitgemacht. Bis auf die Windel, die er ausgerechnet im super-stylischen Hotel vollgemacht hat. Ich kann euch sagen: Ein Designer-Waschbecken ist fürs Windelwechseln genau gar nicht gebaut.

    Im Studio war es dann richtig cool. Es werden zwei Sendungen pro Tag aufgezeichnet, und während wir kochten, hat sich eine Hostess um den Kleinen gekümmert. Von außen schaut so eine Fernsehküche perfekt aus. Von innen: naja. Von den vier Herdplatten haben zwei funktioniert, beim Backofen ging auch nicht alles, und die Messer waren stumpf. Das Kochen selbst war nicht das Problem — aber es ist eine fremde Küche. Du weißt nicht, wo was ist, und vor allem: Du hast keinen Platz. Das war die eigentliche Herausforderung, nicht die Zeit und nicht die Nervosität.

    Fernseh-Wahrheit:
    Die Schneidbretter hatten keine Gummifüße, also kam ein nasses Handtuch drunter. Genau auf dieser feuchten Fläche habe ich später den Nudelteig für die Kasnudeln ausgerollt. Der hat geklebt wie verrückt. Im Fernsehen sieht man davon: nichts.

    Tag eins: natürlich Kasnudeln

    Als Leibgericht habe ich am ersten Tag Kärntner Kasnudeln gekocht. Was sonst. Die begleiten mich mein ganzes Leben: Meine Oma macht die besten, meine Mama die zweitbesten, und meine sind jedes Mal anders — je nachdem, wie die Nudelminze gerade gewachsen ist. Die habe ich mittlerweile im eigenen Garten. In meiner Kindheit gab es bei uns noch richtige Nudel-Wettessen. Meine Kinder heute essen höflich eine — und damit hat es sich. Auch eine Entwicklung.

    Am zweiten Tag gab es Steinpilzrisotto mit Spinat und Salzburger Nockerln. Und dann stand das Finale an.

    Backstage mit Johann Lafer

    Johann Lafer war der Juror meiner Woche — und er war backstage genau so, wie man es sich erhofft: super menschlich. Er ist gleich am Anfang zu uns Kandidaten gekommen, wir haben lange geredet. Über Kärnten, übers Krendeln, über seinen Werdegang.

    Und dann habe ich ihm von einer Idee erzählt, die ich damals im Kopf hatte: Online-Rezepte, zu denen man gleich die Gewürze und alle Zutaten mitbestellen kann. Kochen ohne Einkaufsstress, alles im Packerl. Er fand die Idee richtig gut, wir haben über die Machbarkeit geredet, er hat mir seine Visitenkarte gegeben und gesagt, ich soll ihm das Konzept schicken.

    Ich habe es nie geschickt. Der Beruf war stressig, das Kind war klein, das Leben war schneller. Heute machen genau das mehrere Firmen sehr erfolgreich. Ich erzähle das nicht als Jammergeschichte — aber wenn mir heute jemand sagt, eine Idee sei „eh schon besetzt“, denke ich an diese Visitenkarte.

    Das Finale — und der Essig

    Beim Finale wird das Überraschungsmenü des Jurors aufgedeckt: Rehrückenfilet mit Spätzle und lauwarmem Pilztatar, als Dessert Topfennockerl mit Gewürztraminer-Sabayon. Ich war ehrlich dankbar. Ein Filet ist wenig Arbeit — anbraten, in den Ofen, ziehen lassen. Die Sabayon ist Aufschlagen. Und Topfennockerl hatte ich in ähnlicher Form schon oft gemacht. Ich war gut organisiert, alles ist gelaufen.

    Bis auf eine Kleinigkeit. In den Sendungen davor habe ich jede Zutat gekostet, bevor sie ins Essen kam. Nur den weißen Balsamico fürs Pilztatar — ausgerechnet den nicht. „Balsamico“ klingt mild. Dieser war es nicht. Der war so sauer, dass es beim Probieren dem Herrn Schuhbeck sämtliche Falten aus dem Gesicht gezogen hat.

    Diese eine Regel ist geblieben:
    Koste alles, bevor es ins Essen kommt. Jede Zutat, jedes Mal. Der Essig hat mich damals den Sieg gekostet — und ist bis heute der Grund, warum ich bei den Topfennockerln zuerst einen einzelnen Probenockerl ins Wasser setze, bevor die ganze Masse dran glaubt.

    Danach ging es schnell wieder heim — mit Baby bleibt keine Zeit, Hamburg anzuschauen, und geschlafen werden musste auch wieder. Als die Woche im Jänner 2011 ausgestrahlt wurde, war ich längst wieder im Außendienst unterwegs. Einige Kunden hatten es gesehen und wollten wissen, wie so etwas hinter den Kulissen abläuft. Das waren lustige Termine.

    Das erste Video — und 13 Jahre Stille

    Ungefähr zur selben Zeit ist noch etwas passiert, das damals niemand für wichtig gehalten hätte: Meine Schwägerin wollte ein Rezept von mir. Statt es aufzuschreiben, habe ich es als Video aufgenommen und im September 2010 einen YouTube-Kanal dafür angelegt. Aus einem Video wurden drei. Dann habe ich es aus privaten Gründen wieder gelassen — dabei bleibt es auch, mehr gehört da nicht her.

    Jahre später habe ich zufällig gesehen, dass eines dieser alten Videos — das Pleskavica-Video — plötzlich rund 20.000 Aufrufe hatte. Offenbar suchen Menschen genau solche ehrlichen Rezept-Erklärungen. Seit Juni 2024 mache ich HausmannKocht ernsthaft. Der Kanal, auf dem ihr das hier lest, ist also streng genommen älter als mancher denkt: Er ist in derselben Zeit entstanden wie meine Küchenschlacht-Woche.

    Diese Woche habe ich gelesen, dass Johann Lafer schwer erkrankt ist. Die Visitenkarte von damals habe ich nie genutzt. Aber sein Finalrezept habe ich jetzt, 15 Jahre später, noch einmal gekocht — exakt nach dem Original, nur mit Marillenröster statt Sabayon. Es ist meine Art, Danke zu sagen. Johann Lafer wünsche ich von Herzen viel Kraft.

    Topfennockerl mit Butterbröseln am Löffel, aufgeschnitten, dahinter Marillenröster – das Küchenschlacht-Rezept nach Johann Lafer
    15 Jahre später, wieder am Teller: Lafers Topfennockerl — außen Butter-Zimt-Brösel, innen flaumig, dazu Marillenröster.
    Topfennockerl mit Marillenröster nach Johann Lafer – das ganze Rezept auf HausmannKocht

    Das ganze Rezept

    Lafers Topfennockerl, exakt auf 500 g Topfen hochgerechnet, mit Marillenröster, Probenockerl-Regel, Video und Nährwerten.

    Zum Topfennockerl Rezept

    Kurz beantwortet

    Was ist die Küchenschlacht?

    Eine tägliche Kochshow im ZDF, in der Hobbyköche eine Woche lang gegeneinander kochen — bewertet von wechselnden Profiköchen. In meiner Woche im Jänner 2011 war Johann Lafer der Juror.

    Was hat Joerg in seiner Küchenschlacht-Woche gekocht?

    Tag eins: Kärntner Kasnudeln als Leibgericht. Tag zwei: Steinpilzrisotto mit Spinat und Salzburger Nockerln. Im Finale dann Lafers Überraschungsmenü — Rehrückenfilet mit Spätzle und Pilztatar, als Dessert Topfennockerl mit Gewürztraminer-Sabayon.

    Was macht Lafers Topfennockerl besonders?

    Die Bindung: klein gewürfeltes Weißbrot ohne Rinde statt Grieß, dazu nur wenig Mehl. Das Brot saugt in der Rastzeit Feuchtigkeit auf und gibt der Masse Halt — die Nockerl bleiben flaumig statt kompakt.

    Warum Marillenröster statt Sabayon?

    Die Sabayon war das Studio-Finish von damals — festlich, aber aufwendig. Der Marillenröster übernimmt dieselbe Aufgabe alltagstauglicher: eine leichte Säure als Gegenpol zu Topfen, Butter und süßen Bröseln.

    Baba, euer Hausmann, der kocht – Jörg

  • Gröstl ist ein Prinzip, kein Rezept

    Gröstl ist ein Prinzip, kein Rezept

    Bei uns daheim hat es Gröstl immer gegeben. Nicht, weil das irgendein großes Rezept war. Sondern weil Erdäpfel vom Vortag da waren und irgendwas anderes auch noch weg musste. Leberkäse, Bratenreste, Wurst. Manchmal ein Ei drüber, manchmal nicht.

    Meine Mama hat das alles in einer Pfanne angebraten, und da hat niemand gefragt, ob das jetzt festkochende oder mehligkochende Kartoffeln sind. Man hat genommen, was da war. Wichtig war nur: Am Ende muss es schmecken.

    Genau darüber möchte ich heute schreiben. Nicht über ein bestimmtes Rezept, sondern über das Gröstl an sich. Weil ich glaube, dass viele gar nicht wissen, was für ein gescheites Prinzip dahintersteckt.

    Was ein Gröstl von Bratkartoffeln unterscheidet

    Auf den ersten Blick schaut beides gleich aus: Erdäpfelscheiben in der Pfanne, goldbraun, Zwiebel dabei. Trotzdem sind es zwei verschiedene Sachen.

    Bratkartoffeln sind eine Beilage. Sie stehen neben dem Schnitzel, neben dem Spiegelei, neben dem Fisch. Sie begleiten.

    Ein Gröstl ist ein eigenständiges Gericht. Da kommt zu den Erdäpfeln immer noch etwas dazu — Fleisch, Speck, Wurst, Schwammerl, Gemüse — und alles wird gemeinsam in der Pfanne fertig. Die Pfanne kommt auf den Tisch, jeder schöpft selbst, fertig ist das Essen. Ein Gröstl braucht keine Beilage, weil es selbst schon alles ist.

    Die einfachste Unterscheidung:
    Bratkartoffeln stehen neben dem Essen. Ein Gröstl ist das Essen.

    Gröstl ist Restlküche — und genau das ist seine Stärke

    Ein Gröstl fängt eigentlich schon am Vortag an. Mit Erdäpfeln, die übrig geblieben sind. Das ist kein Zufall und kein Notbehelf, das ist der Kern vom Gericht: Gekochte, ausgekühlte Erdäpfel lassen sich in Scheiben schneiden und braten viel schöner als frische. Sie zerfallen nicht, sie kriegen Röstaromen, sie bleiben in Form.

    Und das Zweite im Gröstl war früher immer das, was vom Sonntag übrig war. Der Rest vom Braten, ein Stück gekochtes Fleisch aus der Suppe, ein paar Scheiben Wurst. Das Gröstl war das Montagsessen, das aus dem Sonntag noch ein zweites gutes Essen gemacht hat.

    Nichts wegwerfen, aus wenig Geschmack bauen, einfache Zutaten so behandeln, dass am Ende etwas Warmes und Gutes am Tisch steht. In solchen Gerichten steckt unglaublich viel Kochverstand. Nicht, weil früher alles besser war — war es nicht. Sondern weil man es sich nicht leisten konnte, etwas verkommen zu lassen.

    Die Besonderheit vom Tiroler Gröstl

    Das bekannteste Gröstl ist sicher das Tiroler Gröstl. Klassisch heißt das: Erdäpfel, Zwiebel, Speck und Reste vom Rindfleisch oder Braten, kräftig angebraten, mit Majoran und Petersilie, und obendrauf ein Spiegelei. Serviert wird es in der Eisenpfanne — auch im Wirtshaus.

    Das Spiegelei ist dabei mehr als Deko. Der weiche Dotter ist quasi die Sauce zum Gröstl. Und der Speck bringt das Salzige und das Fett, das die Erdäpfel gut vertragen.

    Interessant finde ich: Das Tiroler Gröstl hat es vom Resteessen zum Aushängeschild geschafft. Auf den Hütten und in den Wirtshäusern wird es heute ganz bewusst frisch gekocht, mit extra dafür gekauftem Fleisch. Das ursprüngliche Restl-Gericht ist so gut, dass man es inzwischen absichtlich macht.

    Schwammerlgröstl in der Gusseisenpfanne mit Majoran-Zweig, dahinter Brennsuppe mit Bauernbrot
    Mein Sommer-Gröstl heuer: Eierschwammerl statt Speck. Und die Pfanne kommt auf den Tisch, wie sich das gehört.

    Ein Gröstl geht das ganze Jahr

    Das Schöne am Gröstl: Es ist kein Saisongericht. Es passt sich einfach an das an, was gerade da ist.

    Im Sommer, zur Schwammerlzeit, mache ich es mit Eierschwammerln — da braucht es gar kein Fleisch, die gerösteten Schwammerl bringen selber genug Geschmack mit. Im Herbst und Winter, wenn Ente oder Gans am Tisch war, ist das übrig gebliebene Fleisch am nächsten Tag im Gröstl fast besser als beim ersten Mal: Das Fett von der Gans röstet die Erdäpfel, wie es kein Öl kann.

    Und dazwischen geht immer der Alltag: Leberkäse in Würfeln, die letzten Scheiben vom Braten, ein Rest Wurst. Es gibt keine falsche Jahreszeit für ein Gröstl. Es gibt nur die Frage: Was ist gerade übrig?

    Ein Gröstl ist erlaubt mit:
    Bratenresten, gekochtem Rindfleisch, Speck, Leberkäse, Wurst, Ente, Gans, Schwammerln oder nur mit Gemüse. Die Erdäpfel vom Vortag sind das Fundament — der Rest ist Verhandlungssache.

    Worauf es beim Braten ankommt

    Ein Gröstl verzeiht viel, aber zwei Sachen sollte man ihm nicht antun.

    Erstens: zu viel rühren. Erdäpfel brauchen Platz, Kontakt zur Pfanne und Geduld. Liegen lassen, bräunen lassen, wenden. Wer dauernd rührt, bekommt keine Röstaromen, sondern warme Erdäpfel.

    Zweitens: alles gleichzeitig in die Pfanne werfen. Zwiebeln brauchen niedrige Hitze und Zeit, damit sie süß werden. Erdäpfel brauchen mittlere bis hohe Hitze und dürfen nicht schwimmen. Schwammerl brauchen Vollgas, sonst kochen sie im eigenen Saft. Wie die alten Tiroler oder Kärntner Omas das früher alles in einer Pfanne perfekt hingekriegt haben, ist mir bis heute ein Rätsel. Ich helfe mir mit Runden: eine Pfanne, aber nacheinander, mit steigender Hitze. Die Pfanne wird zwischendurch nicht ausgewaschen — jeder Bratrest würzt die nächste Runde.

    Schwammerlgröstl mit Brennsuppe — das ganze Rezept auf HausmannKocht

    Mein Schwammerlgröstl zum Nachkochen

    Die Sommer-Variante mit Eierschwammerln, dazu eine fast vergessene Brennsuppe mit Graukäse. Mit Mengen, Ablauf und Video.

    Zum Schwammerlgröstl Rezept

    Kurz beantwortet

    Was ist der Unterschied zwischen Gröstl und Bratkartoffeln?

    Bratkartoffeln sind eine Beilage. Ein Gröstl ist ein eigenständiges Hauptgericht, bei dem zu den Erdäpfeln immer noch etwas dazukommt — Fleisch, Speck, Wurst, Schwammerl oder Gemüse — und alles gemeinsam in der Pfanne fertig wird.

    Welche Kartoffeln eignen sich fürs Gröstl?

    Am besten festkochende (speckige) Erdäpfel vom Vortag: mit Schale gekocht, ausgekühlt, dann in Scheiben geschnitten. So zerfallen sie beim Braten nicht. Früher hat allerdings niemand danach gefragt — genommen wurde, was da war.

    Was kommt in ein klassisches Tiroler Gröstl?

    Erdäpfel, Zwiebel, Speck und Reste vom Rindfleisch oder Braten, dazu Majoran und Petersilie — und obendrauf ein Spiegelei. Der weiche Dotter ist die Sauce zum Gröstl.

    Kann man ein Gröstl vegetarisch machen?

    Ja, sehr gut sogar. Zur Schwammerlzeit mit scharf gerösteten Eierschwammerln, sonst mit Gemüse wie Zucchini, Karotten und Sellerie. Röstaromen ersetzen dabei den Speck.

    Muss ein Gröstl aus Resten sein?

    Nein. Die Erdäpfel vom Vortag braten zwar am schönsten, aber man kann sie natürlich auch extra dafür vorkochen. Aus dem Resteessen von früher ist längst ein Gericht geworden, das man absichtlich kocht.

    Baba, euer Hausmann, der kocht – Jörg

  • Aus einem Video wurden zwei

    Aus einem Video wurden zwei

    Das Video war fertig. Fünfzehn Minuten, geschnitten, eingesprochen, abgenommen. Und dann haben wir es in zwei Teile zerschnitten.

    Warum macht man sowas? Das erzähle ich heute. Wieder ein Blick in die Werkstatt — weil man am fertigen Video nur das Ergebnis sieht und nie die Entscheidungen dahinter.

    Der Plan: ein Teller, ein Video

    Geplant war ein Video. Parmigiana di Melanzane, und dazu ein Rucola-Birnen-Salat mit Gorgonzola und kandierten Haselnüssen. Ein kompletter Teller, so wie man das daheim auch isst — nicht nur die Auflaufform auf dem Tisch, sondern was Frisches dazu.

    Der Salat war als Beiwerk gedacht. Ein paar Minuten am Ende, damit der Teller rund wird. So stand es im Drehplan, so haben wir gedreht.

    Das Problem: der Salat wollte kein Beiwerk sein

    Beim Schneiden ist mir dann etwas aufgefallen: Der Salat hat zu viel Eigenleben. Haselnüsse rösten, Zucker, der beim Kandieren weiß und pudrig wird statt golden. Birnen, die in der Pfanne Farbe nehmen. Eine Vinaigrette mit einem Trick, den ich selber lang nicht kannte. Das ist kein Anhängsel, das ist ein eigenes Rezept mit eigenen Handgriffen.

    Dazu kommt eine Regel, die ich mir selber gesetzt habe: Zehn Minuten sind das Limit. Wenn ich ein Gericht in zehn Minuten nicht erklären kann, mache ich etwas falsch — dann rede ich ums Kochen herum statt übers Kochen. Es gibt Kanäle, die aus einem Gurkensalat eine Dreiviertelstunde machen können. Wer das gern schaut, soll das schauen. Ich kann es nicht. Lebenszeit ist kostbar, und zwar auch die von dem, der zuschaut.

    Fünfzehn Minuten waren also drüber. Und wenn ich beim Schneiden selber das Gefühl bekomme, das wird zu lang, dann gibt es nur zwei ehrliche Wege: kürzen — oder teilen. Kürzen hätte geheißen, entweder der Parmigiana oder dem Salat Handgriffe zu stehlen, die man zum Nachkochen braucht. Also teilen.

    Aus einem 15-Minuten-Video wurden zwei. Die Parmigiana mit gut zehn Minuten, der Salat mit knapp fünfeinhalb. Beide komplett, beide für sich brauchbar. Der Salat hat inzwischen sein eigenes Video bekommen.

    Rucola-Birnen-Salat mit Gorgonzola und kandierten Haselnüssen auf dunklem Teller
    Das angebliche Beiwerk: Rucola, karamellisierte Birnen, Gorgonzola, weiß kandierte Haselnüsse.

    Warum Sie bei mir keinen Käsefaden sehen

    Noch eine Ehrlichkeit aus der Werkstatt, weil sie zu diesem Video gehört. Es gibt diese Bilder, auf denen ein Stück Parmigiana aus der Form gehoben wird und der Käse in langen Fäden nachzieht. Schaut großartig aus. Hat nur einen Haken: So funktioniert das Gericht nicht.

    Eine Parmigiana, die man heiß anschneidet, zerfällt. Die Schichten brauchen zehn bis fünfzehn Minuten Ruhe, damit sie sich setzen und das Stück beim Herausheben zusammenhält. Genau deshalb sieht man die Parmigiana bei mir in der Form und als sauberes Stück — und nicht als Fädenvorhang. Die perfekten Käsefaden-Bilder sind gestellt, mit Tricks fotografiert oder gleich vom Computer erfunden. Ich zeige lieber, wie es daheim wirklich ausschaut.

    Die drei Schritte, an denen eine Parmigiana steht oder fällt:
    Auberginen salzen und dreißig Minuten warten — das nimmt die Bitterkeit und zieht Wasser raus. Dann frittieren statt nur backen — die Kruste versiegelt die Scheiben, sonst weicht der Sugo alles auf. Und nach dem Ofen ruhen lassen. Wer diese drei Wartezeiten auslässt, bekommt eine wässrige Parmigiana. Das ganze Warum gibt es im Video.

    Ein Wort, das nicht von Parmesan kommt

    Beim Recherchieren fürs Einsprechen bin ich noch über etwas gestolpert, das zu schade ist, um es für mich zu behalten: „Parmigiana“ hat mit Parmesan vermutlich gar nichts zu tun. Die Spur führt nach Sizilien, zum Wort parmiciana — so heißen die schräg übereinanderliegenden Latten eines Fensterladens. Wer sich den Schichtaufbau anschaut, sieht es sofort: Auberginenscheibe über Auberginenscheibe, wie Lamellen. Das Gericht ist nach einem Fensterladen benannt, nicht nach einem Käse.

    Und weil hier alles ehrlich zugeht, noch ein Schmankerl aus der Technik-Ecke: Beim Bauen der Untertitel hat die Spracherkennung aus „Parmigiana di Melanzane“ konsequent „beim Zahnarzt“ gemacht. Und aus dem Salat ein „Solar“. Es ist alles von Hand nachkorrigiert. Falls doch irgendwo ein Zahnarzt im Untertitel auftaucht — der kommt von dort.

    Parmigiana di Melanzane goldbraun überbacken in der Auflaufform

    Teil 1: die Parmigiana

    Das Video ist online, das komplette Rezept mit allen Mengen und dem Schritt für Schritt steht auf der Rezeptseite.

    Zum Parmigiana-Rezept  Video anschauen

    Und Teil 2? Der Salat hat sein eigenes Video bekommen — das Rezept dazu steht ebenfalls online. Wer mag, macht die Parmigiana und stellt den Salat dazu. Dann ist der Teller wieder komplett — nur eben in zwei Videos.

  • Fünf Anläufe für einen Marillenkuchen

    Fünf Anläufe für einen Marillenkuchen

    Ich sage es gleich ehrlich: Ich hasse diesen Marillenkuchen mittlerweile ein bisschen.

    Nicht, weil er schlecht schmeckt. Ganz im Gegenteil. Geschmacklich lieben wir ihn daheim. Das Problem ist eher: Wir haben ihn inzwischen so oft gegessen, gebacken, neu gedreht, wieder eingesprochen und wieder angeschaut, dass ihn bei uns gerade niemand mehr sehen kann.

    Und genau deshalb erzähle ich das hier einmal. Nicht als Jammergeschichte, sondern als Blick hinter die Kulissen. Weil man bei einem fertigen Rezeptvideo am Ende meistens nur den schönen Kuchen sieht. Goldene Oberfläche, saftiger Anschnitt, Marillen drin, Puderzucker drüber. Fertig.

    Was man nicht sieht:
    Manchmal steckt dahinter ein Rezept, das fünf Anläufe gebraucht hat.

    Der erste Anlauf: geschmacklich gut, technisch daneben

    Der erste Marillenkuchen war keine komplette Katastrophe. Er hat gut geschmeckt. Aber beim Backen reicht „schmeckt gut“ nicht immer.

    Der Butteranteil im Teig hat nicht gepasst. Der Kuchen war zu fettlastig, das Gerüst war zu schwach, die Marillen haben nicht so im Teig gehalten, wie ich es wollte. Bei einem Obstkuchen ist das ein klassischer Fehler: Wenn zu viel Fett und zu wenig tragende Struktur da ist, wird die Krume zwar mürbe, aber sie hält das Obst nicht sauber.

    Also: Rezept korrigieren. Noch einmal.

    Der zweite Anlauf: besserer Teig, andere Goldhaube

    Beim zweiten Mal war der Teig dann deutlich näher an dem, was ich wollte. Mehr Stand, bessere Krume, saftiger, aber nicht speckig.

    Nur die Goldhaube hat nicht das gemacht, was ich ursprünglich im Kopf hatte. Die Idee war eine verlaufende, goldene Butterdecke über den Marillen. Beim Backen hat sie sich aber anders verhalten und ist eher in Richtung Brösel gegangen.

    Das war nicht schlecht. Nur eben nicht genau das, was ich geplant hatte.

    Der dritte Anlauf: fertig geschnitten und dann weg

    Dann kam die Version, die eigentlich schon fertig war.

    Gefilmt. Geschnitten. Eingesprochen. Fast bereit zum Hochladen.

    Und dann habe ich die Festplatte formatiert.

    Nicht nur ein kleines Projekt. Nicht nur ein paar Clips. Ich habe mir an dem Tag wohl mehrere Terabyte an Videomaterial gelöscht. Material, das bereits vorgedreht war. Damit war der Marillenkuchen nicht nur weg, sondern ich war produktionstechnisch wieder bei null.

    Das war kein glorreicher Moment. Sagen wir es so: Meine mentale Verfassung an diesem Tag war nicht ganz auf Sendung.

    Der Österreichspiel-Morgen

    Der Tag hatte schon eigen angefangen.

    Um vier Uhr in der Früh war ein Österreichspiel. Natürlich bin ich dafür aufgestanden. Vorher war ich um drei Uhr noch mit dem Hund draußen eine Runde, was tatsächlich schön war, weil es endlich einmal wieder kühl war. Dann das Spiel, das sich wirklich ausgezahlt hat, weil es am Ende noch richtig spannend wurde. Danach Frühstück.

    Eigentlich hatte ich mich danach aufs Schneiden gefreut.

    Dann kam aber der Satz: Wir filmen jetzt etwas.

    Also runter, Karten leermachen, schnell schnell, und irgendwo in diesem Zustand zwischen zu wenig Schlaf, Fußball, Hitze und Produktionsdruck ist es passiert. Das ist keine Ausrede, aber es erklärt vielleicht, wie so ein Fehler überhaupt entstehen kann.

    Seitdem weiß ich wieder sehr genau: Karten leeren ist kein Nebenbei-Schritt.

    Fertiger Marillenkuchen auf dunkler Platte mit Stücken, Mandeln und Marillen als Dekoration.
    Am Ende sieht man nur den fertigen Kuchen. Die Schleife davor sieht man nicht.

    Der vierte Anlauf: 40 Grad und überhitzte Kameras

    Also noch einmal filmen.

    Nur war es draußen heiß. Nicht ein bisschen warm, sondern richtig Sommer. Draußen um die 40 Grad, drinnen gefühlt auch. Backofen an, Licht, Kameras, Küche klein, und irgendwann steigen die Geräte aus.

    Kameras überhitzt.

    Wieder kein sauberer Dreh.

    Man stellt sich Kochvideos oft gemütlicher vor, als sie sind. In Wirklichkeit ist so ein Drehtag manchmal einfach eine warme Küche, ein laufender Ofen, mehrere Kameras, Zeitdruck, Teig, Obst, Ton, Karten, Akkus und die Hoffnung, dass diesmal nichts aussteigt.

    Der fünfte Anlauf: jetzt reicht es aber

    Und jetzt sind wir beim fünften Mal.

    Fünftes Backen. Fünftes Filmen. Fünftes Einsprechen. Und ja, irgendwann kommt der Punkt, an dem man diesen Kuchen nicht mehr romantisch sieht.

    Aber genau das macht die finale Version besser.

    Weil der Teig nicht ausgedacht ist, sondern korrigiert. Weil die Goldhaube nicht nur eine hübsche Idee ist, sondern getestet. Weil ich weiß, wo der Kuchen empfindlich ist. Weil ich weiß, was passiert, wenn das Verhältnis von Butter, Mehl, Stärke und Obst nicht passt. Und weil ich weiß, wie viel Marillenkuchen eine Familie essen kann, bevor sie kollektiv sagt: Bitte nicht schon wieder.

    Warum ich das überhaupt erzähle

    Ich mache mein Leben normalerweise nicht groß öffentlich. HausmannKocht ist ein Kochkanal, kein Tagebuch.

    Aber manchmal erklärt eine Geschichte besser, warum ein Rezept so ist, wie es ist. Dieser Marillenkuchen ist kein Rezept, das ich einmal schnell nachgebacken und dann veröffentlicht habe. Der hat mich Nerven gekostet. Und genau deshalb ist er am Ende belastbarer geworden.

    Wenn im fertigen Video später steht, dass der Teig nicht überrührt werden soll, dass die Marillen trocken getupft werden müssen, dass das Verhältnis von Mehl und Butter passen muss, dann kommt das nicht aus einem Backbuch-Satz. Das kommt aus fünf Anläufen und aus einer Küche, in der zeitweise keiner mehr Marillenkuchen sehen wollte.

    Und trotzdem: geschmacklich ist er richtig gut

    Das ist ja das Gemeine.

    Wäre der Kuchen schlecht, wäre die Sache einfacher. Dann wäre er irgendwann rausgeflogen.

    Aber geschmacklich ist er genau das, was ich wollte: saftiger Buttermilch-Mandel-Teig, Marillen in zwei Varianten, eine aromatische Schicht aus Rum, Vanille, Marillenmarmelade und Zitrone, dazu diese goldene Decke obendrauf.

    Ein Hochsommer-Kuchen. Einer, der nach Marille schmeckt und nicht nur nach süßem Rührteig mit Obst.

    Nur bei uns daheim braucht er jetzt wahrscheinlich eine kleine Pause.

    Ein Stück Marillenkuchen mit glänzenden Marillen, Goldhaube und Vanilleschote auf einem Teller.

    Das ganze Rezept

    Das vollständige Marillenkuchen-Rezept mit allen Mengen, dem Ablauf Schritt für Schritt und dem Video ist online.

    Zum Marillenkuchen Rezept
    Video auf YouTube ansehen

    Baba, euer Hausmann, der kocht – Jörg

  • Schwammerlgulasch richtig kochen

    Schwammerlgulasch richtig kochen

    Ich liebe Schwammerl. Aber eigentlich mehr das Suchen als das Essen. In den Wald gehen, am besten in der Früh, wenn noch fast niemand unterwegs ist, die Augen auf den Boden eingestellt und dann die ersten Eierschwammerl finden: Das war für mich immer etwas Besonderes.

    Früher habe ich mir damit sogar ein bisschen Taschengeld verdient. Eierschwammerl suchen, heimbringen, putzen, verkaufen. Reich ist man damit nicht geworden, aber als Kind war das schon was.

    Das Putzen war allerdings nie meine Lieblingsbeschäftigung. Und beim Essen war ich lange eher zurückhaltend. Panierte Parasol, ja, die mochte ich immer. Aber Eierschwammerl? Da war ich lang nicht wirklich überzeugt.

    Geändert hat sich das erst später. Irgendwann, unterwegs Richtung Heimat, gab es einmal fast nichts anderes als Schwammerlgulasch. Also habe ich es genommen. Und das war dann der Punkt, wo ich verstanden habe: Schwammerlgulasch kann richtig gut sein. Aber nur, wenn die Schwammerl nicht als labbrige, weiche Pilzstücke in einer Rahmsauce enden.

    Für mich ist das der Kern:
    Ein gutes Schwammerlgulasch muss würzig, cremig und samtig sein. Die Sauce darf ruhig dicht sein, aber die Eierschwammerl selbst sollen noch Biss haben.

    Eierschwammerl sind keine intensiven Pilze

    Eierschwammerl, in Deutschland meistens Pfifferlinge genannt, haben einen eigenen Geschmack. Aber sie sind keine extrem intensiven Pilze. Wer schon einmal Steinpilze getrocknet hat, kennt den Unterschied sofort: Steinpilze bringen viel mehr Tiefe und Umami mit. Eierschwammerl sind feiner, heller, milder.

    Das ist nicht schlecht. Man muss nur damit kochen und nicht dagegen.

    Wenn man frische Eierschwammerl lange in einer Sauce mitschmoren lässt, geben sie Wasser ab und werden weich. Der Geschmack verteilt sich zwar im Sud, aber am Ende fehlt oft genau das, was sie eigentlich können: der Biss, die Struktur und dieses leicht nussige, waldige Aroma vom Rösten.

    Darum röste ich die frischen Schwammerl separat scharf an und gebe sie erst am Schluss in die Sauce. So bleibt das Schwammerlgulasch cremig und würzig, aber die Pilze haben am Teller noch Substanz.

    Warum Pilzfond dem Schwammerlgulasch hilft

    Weil Eierschwammerl eher mild sind, braucht die Sauce Unterstützung. Dafür nehme ich gerne getrocknete Pilze.

    Getrocknete Steinpilze oder eine gute Pilzmischung bringen viel mehr Tiefe in die Sauce als normales Wasser. Beim Trocknen verschwindet das Wasser aus dem Pilz, aber der Geschmack bleibt. Dadurch wird der Pilzgeschmack konzentrierter. Genau das ist für ein Schwammerlgulasch ideal: Die frischen Eierschwammerl bleiben für Biss und Optik zuständig, die getrockneten Pilze bringen Tiefe in die Sauce.

    Wichtig ist nur: Das Einweichwasser ist wertvoll, aber man muss es sauber behandeln. Die eingeweichten Pilze nicht einfach wild durch ein Sieb schütten, sondern mit den Fingern aus dem Wasser heben. Der Sand bleibt oft unten in der Schüssel. Das Wasser dann vorsichtig durch ein feines Sieb abgießen und den letzten Schluck lieber weglassen.

    Wer wirklich gar keinen Sand im Schwammerlgulasch riskieren will, kann das Einweichwasser zusätzlich durch einen Kaffeefilter oder ein Mulltuch laufen lassen. Das ist kein Muss, aber eine gute Option, wenn die Trockenpilze sandig wirken.

    Schwammerl nicht baden

    Beim Putzen gibt es zwei Lager. Manche waschen Schwammerl kurz, andere sagen: bloß nicht.

    Ich bin bei Eierschwammerln klar auf der trockenen Seite. Also bürsten, mit einem Tuch abreiben, schlechte Stellen wegschneiden. Wenn irgendwo wirklich Erde sitzt, darf das Tuch auch leicht feucht sein. Aber ich lege Eierschwammerl nicht ins Wasser.

    Der Grund ist simpel: Pilze enthalten ohnehin sehr viel Wasser. Wenn sie zusätzlich nass werden, kommt dieses Wasser beim Braten wieder heraus. Dann röstet nichts mehr, sondern die Pfanne kocht. Und gekochte Schwammerl sind genau das, was ich in einem guten Schwammerlgulasch nicht haben will.

    Nahaufnahme von Schwammerlgulasch mit cremiger Paprika-Sauerrahm-Sauce und böhmischem Knödel.
    Die Sauce darf samtig sein. Die Eierschwammerl sollen trotzdem nicht im Sud verschwinden.

    Paprika und Sauerrahm brauchen Gefühl

    Schwammerlgulasch lebt nicht nur von Pilzen. Die Sauce braucht Paprika, Zwiebel, Säure und Sauerrahm.

    Paprikapulver ist dabei empfindlich. Es darf kurz ins heiße Fett, aber wirklich nur kurz. Wenn Paprika zu lange röstet, wird es bitter. Deshalb: Paprika einrühren und sofort ablöschen. Ein bisschen Essigwasser hilft dabei, die Hitze zu bremsen und gibt der Sauce eine feine Säure.

    Beim Sauerrahm ist der Fehler ein anderer. Gibt man ihn einfach heiß und unvorbereitet in die Sauce, kann er ausflocken oder das Mehl klumpt. Darum rühre ich Sauerrahm mit Mehl kalt glatt und gebe ihn dann in den Sud. Danach muss die Sauce noch kurz köcheln, damit das Mehl bindet und nicht roh schmeckt.

    Das Ergebnis soll nicht schwer und pappig sein, sondern samtig. Wer die Sauce lieber dünner mag, kann sie mit einem kleinen Schluck Wasser, Pilzfond oder Obers strecken. Ich mag sie eher etwas dichter, weil sie dann an den Knödeln besser hängen bleibt.

    Warum böhmische Knödel gut dazu passen

    Bei uns daheim gab es früher eher Serviettenknödel oder Semmelknödel. Böhmische Knödel habe ich erst später richtig kennengelernt, vor allem auf Reisen Richtung Tschechien.

    Geschmacklich ist so ein böhmischer Knödel keine Explosion. Es ist ein Hefeteig, relativ schlicht. Aber genau das macht ihn als Beilage stark: Er nimmt Sauce wunderbar auf. Und bei Schwammerlgulasch geht es genau darum. Die Paprika-Sauerrahm-Sauce soll nicht am Teller liegen bleiben, sondern in den Knödel hineinziehen.

    Der heimliche Gewinner war bei uns aber der nächste Tag. Übrig gebliebene böhmische Knödel in Scheiben schneiden, in Butter anbraten – und bei den Kindern ging das sogar mit Ahornsirup und Zimtzucker weg. Das war fast besser als French Toast.

    Schwammerlgulasch ist im Grunde ein österreichisches Pilzgulasch

    Wenn jemand nach Pilzgulasch sucht, ist Schwammerlgulasch genau das richtige Thema. Nur eben österreichisch gedacht: Paprika, Sauerrahm, Pilzfond und Eierschwammerl statt Fleisch.

    Der Unterschied liegt für mich in der Behandlung der Pilze. Ich will keine weichgekochten Schwammerl in einer Sauce, sondern eine Sauce mit Tiefe und geröstete Eierschwammerl mit Biss. Darum ist die Kombination aus getrockneten Pilzen für den Fond und frischen Eierschwammerln für die Pfanne so stark.

    Schwammerlgulasch mit Eierschwammerln und böhmischen Knödeln in einer schwarzen Schale.

    Das ganze Rezept

    Mit Mengen, Ablauf, Video und böhmischen Knödeln findest du das vollständige Schwammerlgulasch-Rezept hier auf HausmannKocht.

    Zum Schwammerlgulasch Rezept

    Kurz beantwortet

    Sind Eierschwammerl und Pfifferlinge dasselbe?

    Im Küchenalltag ja. In Österreich sagt man meist Eierschwammerl, in Deutschland Pfifferlinge. Für Schwammerlgulasch kannst du frische Pfifferlinge genauso verwenden.

    Warum werden die Eierschwammerl separat geröstet?

    Damit sie Biss behalten. Wenn Eierschwammerl lange in der Sauce mitkochen, geben sie Wasser ab und werden weich. Separat geröstet bringen sie mehr Aroma und bessere Struktur.

    Kann ich Schwammerlgulasch auch ohne getrocknete Pilze kochen?

    Ja, aber die Sauce wird weniger tief. Getrocknete Pilze und ihr Einweichwasser bringen konzentrierten Pilzgeschmack in den Sud. Gerade weil Eierschwammerl mild sind, hilft das sehr.

    Muss ich das Pilz-Einweichwasser filtern?

    Ein feines Sieb reicht oft. Wenn du ganz sicher keinen Sand im Schwammerlgulasch haben willst, kannst du das Einweichwasser zusätzlich durch einen Kaffeefilter oder ein Mulltuch laufen lassen.

    Welche Beilage passt zu Schwammerlgulasch?

    Böhmische Knödel passen sehr gut, weil sie die Sauce aufnehmen. Klassisch funktionieren auch Serviettenknödel, Semmelknödel, Erdäpfel oder breite Nudeln.

    Baba, euer Hausmann, der kocht – Jörg

  • Böhnchen und Tönchen – 2026 wird das Hülsenfrüchte-Jahr

    Böhnchen und Tönchen – 2026 wird das Hülsenfrüchte-Jahr

    Irgendwie hat bei uns jedes Jahr ein Motto. Letztes Jahr hat mir meine Frau ein Projekt verpasst – heuer hab ich mir selber eins ausgerufen: Projekt Hülsenfrüchte.

    Wie’s dazu kam? Ich beschäftige mich eh viel zu viel mit Essen 🙂 Und neulich saß ich mit einer Ernährungsberaterin am Tisch und hab mich – sagen wir mal – sehr lebhaft über gewisse Vorschläge aufgeregt. Aber bei einer Sache hatte die gute Dame recht: Hülsenfrüchte.

    Dass die gut sind, weiß ich sogar noch aus der Hotelfachschule (Lebensmittelkunde und so). Und trotzdem: Wenn ich ehrlich bin, fehlen die bei uns ziemlich oft. Im Sommer gibt’s grüne Bohnen im Speckmantel – herrlich zum Schweinefilet mit Pfefferrahmsoße. Im Chili sind auch Bohnen drin. Und beim Griechen auf der Vorspeisenplatte schau ich ihnen auch nicht aus dem Weg. Aber sonst? Eher dünn.

    Also hab ich 2026 kurzerhand zum Hülsenfrüchte-Jahr erklärt. Vorsatz: jede Woche ein Gericht mit Bohnen, Linsen oder Kichererbsen. Ohne Ausreden.

    Wie ich das angepackt hab

    Ich hab mir getrocknete Hülsenfrüchte besorgt – viele Sorten, richtig bunt – und hab sie in Gläser abgefüllt. Und weil Kinder bei uns nicht einfach nur „mitessen“, sondern zuerst einmal „dagegen sind“, hab ich sie zum Sortieren eingeteilt. Die durften die Bohnen in Gläser füllen – und waren überraschend happy.

    Und ganz ehrlich: Wenn die Kids ein Essen komplett verweigern, dann funktioniert’s bei uns auf Dauer nicht. Extra kochen geht eine Zeit lang, aber ich schaff das nicht dauerhaft. Bei uns wird zweimal am Tag gekocht: einmal groß, einmal klein. Dazu kommt Brotbacken und meistens noch irgendein Kuchen. Wenn ich dann wegen Hülsenfrüchten noch separat für die Zwerge kochen soll, krieg ich einen Vogel.

    Stand heute: Ende Februar – ich halt’s tatsächlich ein

    Bis jetzt läuft’s. Und das erste Gericht, das ich euch auch zeige, ist mein 5-Bohnen-Chili. Für mich eines der vollmundigsten Chilis, die ich bis dato gekocht und gegessen hab.

    Einziger Haken: der zweite Kochvorgang im Druckkochtopf ist ein bissl tricky, weil’s unten leicht ansetzt. Lösung: nicht stur 10 Minuten unter Druck durchziehen, sondern lieber 30 Minuten ohne Deckel köcheln lassen und rühren – oder gleich mit etwas mehr Flüssigkeit arbeiten. Dann brennt nix an und die Bohnen werden trotzdem schön sämig.

    Und wie geht’s uns damit?

    Allen gut. Nur ich reagier ein bissl auf die Bohnenschalen – eh klar, wenn man plötzlich geschniegelt mit Hülsenfrüchten daherkommt. Aber ein wenig Kümmel hilft. Im Gericht. Oder – wenn’s schnell gehen muss – in Form von „Kümmel-Schnaps“. (Ja. Ich weiß. Aber der Hausmann muss ja auch irgendwie überleben.)

    👉 Das Rezept zum 5-Bohnen-Chili findest du hier: 5-Bohnen-Chili con Carne

    Baba, euer Hausmann, der kocht – Jörg